Die Kunst auf Tragödien zu spekulieren

Wir sind Meister in der Kunst auf Tragödien zu spekulieren. Die neue „Willkommenskultur made in Germany" ist kein Fest der Völkerverständigung, sondern der ganz gewöhnliche Eurozentrismus. Angela Merkel hat diesmal besonders gut kalkuliert und alle sprachlos zurückgelassen. In dieser Woche der deutschen Freundlichkeit hat viele das Gefühl beschlichen, dass hier irgendwas nicht stimmt. Doch wer sich getraut hat, Kritik zu äußern, ist häufig ins Stocken geraten. Denn die Deutschen meinen es doch nur gut... oder?

Wer hier applaudiert, applaudiert dem Krieg
 
Vor dem Hintergrund der Schreckensnachrichten von brennenden Asylheimen und einer Kanzlerin, die zu diesen Ausschreitungen monatelang geschwiegen hat (und zwei Monate zuvor unter dem Titel "Gut Leben In Deutschland" einem weinenden palästinensisches Mädchen erklärt hat, dass es in Deutschland nun mal nicht Platz für alle gebe), ist es ganz besonders wichtig, Flüchtlinge freundlich Willkommen zu heißen. Vor dem Hintergrund einer inhumanen Flüchtlingspolitik, der Weigerung Europas im Angesicht einer humanitären Katastrophe legale Einwanderungswege zu schaffen und der Untätigkeit Deutschlands Länder wie Italien oder Griechenland zu entlasten, ist es besonders wichtig (für die deutsche Regierung), zu zeigen, dass Flüchtlinge in Deutschland Willkommen sind. Noch wichtiger allerdings ist es (für uns Bürger), den Politikern in Deutschland klarzumachen, dass sie mit pseudo-humaner Symbolpolitik nicht durchkommen werden.
Der Magen vieler ist in diesen Tagen verstimmt, während das Gehirn zur Hälfte aussetzt. Es ist interessant wie ein einziges Foto, das nur das Schicksal eines einzigen Kindes unter Tausenden zeigt, die Wut der Internetnutzer auf die Grausamkeit von Grenzen lenkt - anstatt auf die Verantwortlichen eines verlogenen und absurden Krieges. Als ob das Öffnen der Grenzen die Lösung wäre, und nicht das Mindeste an Gerechtigkeit. Grenzen aber sind, wie wir wissen, ein abstraktes Feinbild, während wir uns im Nahen Osten und im Syrien-Krieg an unsere Interessenvertreter klammern und die Konflikte weiter anheizen. Das Narrativ, das wir vorgesetzt bekommen, macht uns wütender als alles andere.
 
Ein Fest der Völkerverständigung?
 
Viele scheinen, das, was sich in den letzten Tagen in Deutschland abgespielt hat wirklich für eine Art Party zu halten. Zeitungen, Fernsehen und Internet überschütten uns mit Bildern von syrischen Kindern, die Freude strahlend Kuscheltiere aus den Händen der deutschen Heiligen ergreifen, am Münchner Hauptbahnhof wird „Freude schöner Götterfunken" gesungen und mit Stolz schwillt das Herz, wenn gemeldet wird: Bitte keine Spenden mehr!. Bei der Ankunft der Flüchtlinge wird applaudiert, in den Medien wird von einem Fest der Völkerverständigung gesprochen - mit einer Bilanz von über 250.000 Toten in Syrien und mehr als 11 Millionen Menschen auf der Flucht, ist das wohl mehr als zynisch. Warum haben wir diese Partys nicht in Aleppo, Homs oder Jarmuk veranstaltet? Unsere unbewaffnete Präsenz an diesen Orten hätte den Syrern weit mehr Freude bereitet und sie davon abgehalten, sich jetzt uns gegenüber wie Untergebene verhalten zu müssen.
Europa und die USA tragen Verantwortung für die Destabilisierung in den Herkunftsländern der Geflüchteten. Der europäische Kolonialismus und neokoloniale Strukturen wie Bushs „war on terror" haben durch die Ausbeutung von Rechten und Ressourcen ganze Regionen verwüstet. Warum erwähnt das niemand? Warum erwähnen das die europäischen Christen nicht, wenn sie predigen, Flüchtlinge zu beherbegen, sei eine christliche Pflicht? Es ist mit Sicherheit eine Pflicht, aber das sind keine Pilger. Das sind Menschen,, die vor unseren Kriegen fliehen. Wenn wir nicht bis zum Ende denken, bieten wir Möglichkeiten, die Tragödie fortdauern zu lassen.
 
Die ganze Welt feiert uns Deutsche?
 
Deutschland hat nicht nur zu wenig unternommen, um die Konfliktparteien des Kriegs in Syrien, der sich seit Auftauchen des IS über die gesamte Region verbreitet hat und längst zu einem Stellvertreterkrieg geworden ist, zu Verhandlungen zu bewegen. Im Gegenteil, durch die Bewaffnung der Kurden, einer einzelnen ethnischen Gruppe, hat Deutschland die Konflikte der multiethnischen Region weiterhin verschärft. Während die deutsche Regierung von politischen Lösungen spricht und eine Außenpolitik der Enthaltung propagiert, verdient Deutschland als drittgrößter Waffenexporteur der Welt am Krieg in Syrien. Dass Deutschland am Aufbau des syrischen Chemiewaffenarsenals beteiligt war, wo im August 2013 über 1.300 Menschen durch einen Giftgasangriff starben, ist weithin bekannt. Die deutsch-französischen MILAN Raketen werden sowohl von Assad, als auch von den „Rebellen" eingesetzt.
Lasst uns nachdenken: Ich werfe ein Streichholz in ein Haus, zünde Feuer und wenn dann die Menschen, die in diesem Haus gewohnt haben, an meine Tür klopfen, heiße ich sie mit einem herzlichen Lächeln Willkommen - und fühle mich dabei wie ein Held. Die psychologischen Mechanismen des Eurozentrismus wie Selbsterhaltung, Selbst - Absolution und Selbst - Kompensation sind unendlich. Wir sind nicht fähig, uns verantwortlich zu fühlen. Und am Ende gibt es immer irgendwo einen Assad, den wir beschuldigen können.
Wer die deutsche Willkommenskultur für vorbildlich hält, sollte sich außerdem fragen, warum Deutschland immer noch nicht den von UNHCR geforderten Betrag zur Unterstützung der Nachbarländer Syriens bereitgestellt hat. Aber die sind weit weg genug, um weiter über politische Lösungen zu schwadronieren und genügend Geld, um es bis nach Deutschland zu schaffen, hatten sie auch nicht.
Die Deutschen können es sich halt leisten...
Das stimmt. Deutschland kann es sich leisten, die Flüchtlinge Willkommen zu heißen. Aber vor allem hat Deutschland es im Moment bitter nötig, gut dazustehen. Angela Merkel hat die Aufnahme der Flüchtlinge aus Ungarn klug als moralische Pflicht getarnt, um nun vor dem Hintergrund des rücksichtslosen Verhaltens Deutschlands in der Eurokrise an die Verantwortung der anderen Eurostaaten für eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge zu appellieren. So wird aus einem politischen Diskurs ein Apell an die Empathie der Mitgliedsstaaten, der die Verantwortung Deutschlands für die desaströse Lage in Ländern wie Griechenland und Portugal verdeckt. Wie können Länder, deren Fachkräfte sich gezwungen sehen auszuwandern, Flüchtlinge aufnehmen? Merkels Entscheidung, die Flüchtlinge nach Deutschland zu lassen, ist aus dem Druck der deutschen Wirtschaft, die mehr Fachkräfte benötigt, entstanden. Wie Umfragen zeigen, sind die syrischen Flüchtlinge "nützliche Flüchtlinge", denn die meisten haben einen Schul- oder Universitätsabschluss. Und sollten dann nach einer Woche Propaganda doch zu viele kommen, können wir ja immer noch an die Moral der anderen appellieren...
 
Applaus, Applaus!
 
Wer Ressourcen und Rechte ausbeutet, Kriege mitfanziert, am Leid von anderen profitiert, und dann einen absolut lächerlichen Anteil der Geflüchteten aufnimmt, nein, dessen Politik ist nicht hocherfreulich. Wer am Bahnhof mit Ballons und Teddybären ein Fest der Völkerverständigung feiert, ohne gegen imperiale Politik aufzubegehren, begibt sich in den selben Widerspruch wie Sigmar Gabriel, der Waffen nach Katar und Saudi-Arabien exportiert, um dann mit Til Schweiger ein Flüchtlingsheim zu eröffnen. Wer hier applaudiert, applaudiert sich selbst und einer Kanzlerin, die klug genug war, sich als humane Retterin in letzter Not aufzuspielen. Wer hier applaudiert, applaudiert dem Krieg.
Neben einer neuen Debatte um Asylgesetze, neben einer neuen Debatte um die Aufteilung von Flüchtlingen in Europa, haben wir eins ganz besonders nötig: Die Abkehr vom hegemonialen eurozentrischen Blick auf den Rest der Welt. Der erste Schritt hierzu wäre: Stoppt den Waffenhandel - mit den Kurden, mit Katar und Saudi-Arabien, mit Assad und mit der Türkei. Stoppt den Verkauf von Kriegen. Sofortiger Waffenstillstand. Universelles Embargo auf Waffen und deren Einsatz, die Unterstützung Russlands und Irans für Assad mit eingeschlossen. Eröffnen einer neuen Verhandlungsrunde. Widerherstellen der Sicherheitsbedingungen für eine Rückkehr der syrischen Flüchtlinge.
Der Rest ist Rauch vor den Augen und krimineller Hunger.
 
 
Amrei Deller
Michelangelo Severgnini

 

 


 

 

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